Ein neues Jahr fühlt sich für mich immer an wie ein leeres Notizbuch – voller Möglichkeiten, aber auch mit der stillen Frage: Was will ich diesmal wirklich schreiben? Früher habe ich oft große Vorsätze gefasst, Pläne geschmiedet, viele To-do-Listen gefüllt. Doch durch meine ME-CFS Erkrankung merke ich immer deutlicher: Ich brauche kein Mehr, sondern Klarheit. Kein schneller Neuanfang, sondern ein bewusster Schritt.
Deshalb habe ich mir für 2026 ein Motto gewählt, das mir Richtung gibt, ohne Druck zu machen: „Ich gehe meinen Weg – langsam, echt, genug.“ Es erinnert mich daran, dass mein Tempo zählt, dass Echtheit wichtiger ist als Perfektion und dass ich bereits vieles habe, was ich brauche. Dieses Motto ist kein Ziel, sondern eine Haltung – und vielleicht der ehrlichste Kompass, den ich je hatte.
Als ich den Aufruf zur Blogparade „Welches Leitwort begleitet dich durchs Jahr?“ von Korina Dielschneider gesehen habe war mir klar, dass ich meine intensiven Gedanken zu meinem Motto in einem Blogbeitrag teilen möchte.
Ich wähle meinen Weg – in meinem Maß
Es fühlt sich an wie eine klare Ansage an mich selbst, eine sanfte Grenzsetzung, die gleichzeitig Mut macht. Denn 2025 war geprägt von Unsicherheit, von ständigen Schmerzen, von erschöpften Tagen, an denen selbst der kleinste Schritt sich wie ein Berg anfühlte. Meine ME-CFS-Erkrankung hat mir gezeigt wie eng verbunden Belastung und Erholung sind, wie wichtig es ist, die Signale meines Körpers ernst zu nehmen, und wie viel Kraft in einer ehrlichen, liebevollen Beziehung zu mir selbst liegt.
Mein Leben hat sich grundlegend verändert. Wo früher Tempo, Pläne und Leistungsdenken den Ton angaben, zählen heute andere Maßstäbe: Energie, Stabilität, Echtheit. Ich musste lernen, dass mein Körper Grenzen setzt. Ich wähle heute bewusster, wohin meine Energie fließt. Ein Spaziergang kann eine Leistung sein, ein ruhiger Tag ein Erfolg. Wachstum misst sich für mich nicht mehr an Geschwindigkeit, sondern an Tiefe. Mein Weg mag anders aussehen als früher oder als der anderer – aber er gehört mir.
Meinen Weg gehen bedeutet für mich, leise zu werden und wieder hinzuhören: Was will ich eigentlich? Was fühlt sich für mich richtig an? Was kann ich heute? Es heißt auch, Umwege zuzulassen, Pausen ernst zu nehmen und Entscheidungen zu treffen, die sich gut anfühlen, selbst wenn sie nicht sofort verstanden werden. Selbstbestimmtheit ist für mich etwas Stilles. Sie braucht keine Beweise, keine Vergleiche. Sie zeigt sich darin, dass ich morgens aufstehe und sagen kann: Ich bin auf meinem Weg – nicht schneller, nicht besser, aber wahrhaftig.

Langsam – das Tempo des eigenen Lebens akzeptieren
Ich will mir in diesem Jahr erlauben, langsamer zu leben. Vertrauen darauf, dass mein Rhythmus stimmt, auch wenn er nicht dem Takt anderer entspricht. Langsam zu gehen heißt für mich, jeden Schritt wahrzunehmen. Nicht ständig schon am Ziel zu sein, sondern den Weg selbst zu würdigen – das Lächeln, den Atem, den Zwischenton. Vielleicht ist das Langsame gar nicht das Gegenteil von Fortschritt, sondern sein ehrlichstes Fundament.
Mein Weg 2026 wird auch ein Weg der Grenzen sein. Das war eine große und wichtige Entwicklung für mich . Grenzen zu setzen bedeutet, Nein zu sagen zu Überforderung, damit ich Ja sagen kann zu dem, was mir wirklich guttut. Es bedeutet, mein Tempo anzunehmen, nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als Ausdruck von Selbstbestimmung. Wenn ich langsamer werde, gewinne ich Aufmerksamkeit: für die kleinen Wunder im Alltag, für die Gespräche, die mir guttun, für die Pausen, die mir neue Energie schenken. Langsam zu gehen heißt nicht Stillstand; es heißt bewusster hinsehen, achtsam sein, Ankommen im Hier und Jetzt.

Mein Alltag hat sich in vielen Facetten verändert. Pläne wurden zu flexiblem Raster, das sich je nach Energielevel verschiebt. Termine, die früher selbstverständlich waren, treten heute oft in eine andere Reihenfolge oder müssen verschoben werden. Und doch habe ich gelernt, dass Bewegung auch in kleinen Schritten möglich ist – ohne Druck, ohne Wettkampf, dafür mit Geduld und Respekt. Mein Weg ist nie frei von Müdigkeit, aber er ist echt.
Echt – Mut zur Authentizität
Echtheit ist etwas, das ich früher oft mit „ungeschminkt sein“ oder „keine Maske tragen“ verbunden habe. Heute spüre ich, dass es viel tiefer geht. Echt zu sein bedeutet für mich, im Einklang mit meinem Inneren zu handeln – auch dann, wenn es unbequem ist. Es heißt, Gefühle zuzulassen, Grenzen zu setzen und zu sagen: So bin ich – nicht perfekt, aber wahrhaftig.
Es kostet Mut, echt zu sein. Denn Echtheit zeigt Verletzlichkeit, und Verletzlichkeit macht angreifbar. Doch gerade darin liegt ihre Kraft. Wenn ich mich nicht mehr verstellen muss, entsteht Raum für Verbindung – zu mir selbst und zu anderen.
Echt erinnert mich daran, dass ich mich nicht ständig neu erfinden muss. Ich darf mich entfalten, nicht optimieren. Ich darf widersprüchlich sein, zweifeln, neu anfangen. Echtheit ist kein Ziel, das man erreicht, sondern eine Art, durchs Leben zu gehen – mit offenen Augen und offenem Herzen.
Genug – die Kraft des Genügens
Genug ist vielleicht das leiseste und zugleich tröstlichste Wort in meinem Jahresmotto. Es ist ein Gegenpol zu dem unaufhörlichen Streben nach mehr. Mehr leisten, mehr haben, mehr sein. Genug bedeutet für mich, anzuerkennen, dass Fülle nicht immer im Außen liegt. Dass ich nicht erst dann wertvoll bin, wenn ich etwas erreicht, verändert oder perfektioniert habe. Ich bin genug – hier, jetzt, so wie ich bin. Und was ich habe, reicht, um dankbar zu sein.
Natürlich bleibe ich neugierig, will lernen, wachsen, erleben. Genug ist keine Grenze, sondern eine Einladung, im Moment anzukommen – und Frieden zu schließen mit dem, was da ist. Der Wandel, der mit meiner Erkrankung einherging, ist kein Verlust, sondern eine Veränderung der Prioritäten. Ich habe gelernt, dass Erholung kein Aufschub, sondern eine Grundbedingung für echtes Weiterkommen ist. Statt Mehr an Aktivitäten suche ich Qualität in dem, was ich tue. Statt möglichst viel, strebe ich nach sinnvoller Tiefe in dem, was mir guttut. Das hat mich zu einer neuen Art der Selbstfürsorge geführt: regelmäßige Ruheinseln im Tag, achtsame Ernährung, die mich stabil hält, sanfte Bewegung, die sich nach meinem Rhythmus richtet, und vor allem eine klare Kommunikation mit meinem Umfeld. Merke ich, dass eine Begegnung zu viel ist? Dann schränke ich ein, respektvoll gegenüber meiner Gesundheit und meinem Gegenüber.
Ausblick – wie mich mein Motto durch 2026 begleiten soll
Ich sehe dieses Motto nicht als Regelwerk, sondern als leisen Begleiter – wie eine Hand auf meiner Schulter, die mich daran erinnert, wo mein Herz hinmöchte. Ich weiß, dass ich nicht immer langsam, echt und im Gefühl des Genugseins leben werde. Aber ich möchte immer wieder dorthin zurückkehren.
Es sind die kleinen, unscheinbaren Momente, in denen mein Motto lebendig wird: wenn ich mir morgens Zeit lasse, den Kaffee bewusst trinke, eine Pause einlege, bewusst pace. Wenn ich ehrlich bleibe, auch wenn es unbequem ist. Ich bin nicht weniger Mensch wegen ME-CFS. Im Gegenteil: Meine Erkrankung hat mich gelehrt, wer ich jenseits von Produktivität bin – eine Person mit Bedürfnissen, Träumen und einer Stimme, die sich wieder mehr traut zu hören. Meine Stimme sagt: Du bist genug so wie du bist. Du musst dich nicht beweisen. Du musst dich nur gut behandeln, Schritt für Schritt machen, mit Mut zur Pause. Und wenn ich das tue, dann ist jeder Weg, den ich gehe, mein eigener Weg – langsam, echt, genug. Und dieser Weg ist wertvoll, weil er ehrlich ist. Er ist mein Weg, heute und hoffentlich noch lange.
Liebe Nicole,
so ein großartiges Motto! Man spürt in jeder Zeile, dass dieses Motto nicht nur „gewählt“ ist, sondern wirklich von dir gelebt wird – eine echte Haltung eben.
Besonders der Gedanke, den Weg selbst mehr zu würdigen, hat bei mir nachgehallt. Wie oft sind wir schon gedanklich am nächsten Ziel, statt den Schritt wahrzunehmen, den wir gerade gehen? Auch der bewusste Umgang mit Pausen – nicht als Schwäche, sondern als Voraussetzung für weiteres Tun – ist etwas, woran ich mich selbst immer wieder erinnern muss.
Ich wünsche dir, dass dich dein Motto durch 2026 trägt und du immer wieder in diese Haltung zurückkommst.
Liebe Grüße
Sabine
Liebe Sabine,
danke dir für deine lieben Worte. Es ist ein Prozess, der nicht immer leicht ist. Ich hoffe jedoch, dass mein Motto mich darin weiter unterstützt und begleitet.