Gina Waibel gewährt in ihrem Buch „Schule aber stabil – Warum wir jetzt Haltung brauchen, um unser Bildungssystem zu demokratisieren“ einen schonungslosen und zugleich sehr persönlichen Einblick in ihren Alltag als Lehrerin. Sie erzählt von ihren eigenen Erfahrungen und macht dabei eindringlich auf die tiefgreifenden Probleme unseres Bildungssystems aufmerksam – von Rassismus und Diskriminierung über den Missbrauch von Macht durch Lehrkräfte bis hin zur mangelnden Unterstützung durch die Schulleitung.
Das Buch überzeugt haptisch und optisch direkt. Es hat einen tollen Farbschnitt und fühlt sich sehr gut an.

Besonders nachdenklich gemacht haben mich ihre Schilderungen über unangemessene Inhalte in Schulbüchern und darüber, wie rechte Kräfte zunehmend Einfluss auf das Schulsystem nehmen – während von den Verantwortlichen viel zu wenig dagegen unternommen wird.

Sehr gut gefallen haben mir die zahlreichen Erfahrungsberichte und Anekdoten aus dem Schulalltag. Sie machen die oft abstrakten Probleme greifbar und verleihen ihnen ein Gesicht. Dabei merkt man deutlich, dass die Autorin aus eigener Erfahrung spricht und nicht nur theoretisch über diese Themen schreibt. Immer wieder gibt es Fragen, die man sich zur eigenen Reflexion stellen kann.

Gina Waibel schreibt sehr authentisch, so wie sie spricht. Das Buch ist eher in Alltagssprache verfasst und nicht als Sachbuch mit vielen Fachtermini und Studien. Manchmal war es mir aber zu alltagssprachlich „einfach ´ne…“, „WTF“, „Checkt ihr?“ passt in ein Interview, aber weniger in ein Buch. Das hat mich immer mal wieder beim Lesefluss gestört. Ich habe einige neue Begriffe gelernt. Tone policing war mir neu, ich fand dies aber besonders interessant. Es „verschiebt den Fokus. Weg vom eigentlich Gesagten hin zu „kannst du nicht akademischer sprechen?““ (S.76)
Besonders gut hat mir gefallen, dass zwischen Diskriminierung und Rassismus unterschieden wird. Der Unterschied hätte aber gerne noch etwas deutlicher herausgehoben werden können. „Nur weil etwas nicht rassistisch gemeint ist, heißt es nicht, dass es nicht rassistisch ist. Es geht nämlich nicht um Absicht, sondern Wirkung.“ (S. 51) „Auch positiv wirkende Zuschreibungen sind Teil rassistischer Strukturen.“ (S. 64)

Ich hatte große Erwartungen an das Buch. Diese sind in vielen Bereichen erfüllt worden. Ich habe einiges dazu gelernt. Leider fehlten mir noch klarere Lösungsideen und -ansätze. Aber vielleicht ist diese Erwartung an das Buch falsch. Es schafft auf jeden Fall, was es bewirbt es legt „den Finger in die Wunden unseres Bildungssystems“.
Mein Fazit
Ein Buch, das sehr deutlich die aktuelle Situation aufzeigt, leider aber kaum Lösungsstrategien aufzeigt. Hier hätte ich mir mehr gewünscht. Es bietet aber eine sehr gute Orientierung zu dem Thema und lädt ein sich und seine eigene Haltung zu reflektieren. Es ist absolut lesenswert und sollte viel mehr Beachtung erhalten.
Wer mehr von Gina Waibel wissen möchte findet sie auf Instagram unter frau_waibel.