Wie meine Schulzeit mich geprägt hat

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Kind mit einer Schultüte und einem Ranzen

Ich sitze am Küchentisch, das Matheheft aufgeschlagen, meine Mutter neben mir. Sie will mir helfen, das sehe ich in ihrem erwartungsvollen Blick. Und trotzdem spüre ich es wieder: dieses leise Ziehen im Bauch, das ich schon damals nicht benennen konnte. Nicht wegen der Aufgabe vor mir, sondern wegen der Angst, sie zu enttäuschen, obwohl sie mich doch nur unterstützen will. Dieses Ziehen sollte mich noch Jahre begleiten: vor jeder Klassenarbeit, jeder Prüfung, jedem Moment, in dem eine Note über etwas zu entscheiden schien, das viel größer war als eine Zahl auf einem Blatt Papier.

Wie ich zu diesem Thema kam

Lange habe ich nicht mehr an meine Schulzeit gedacht. Als meine Kollegin Sabine Walker im Lerntherapeuten Netzwerk etwas darüber erzählte, wie die eigene Lernbiographie unser Handeln heute beeinflusst, kamen bei mir sehr viele Erinnerungen hoch. Die Erinnerungen kamen mit zahlreichen negativen Körperempfindungen. Es fühlte sich so an, als würde mich eine mega Last erdrücken.

Ich habe mich die Wochen danach sehr intensiv mit meiner Schulzeit auseinandergesetzt und für mich sehr klar herausgefunden, wie intensiv mich diese Zeit beeinflusst hat. Nicht nur als Mutter während der Schulzeit mit meinen Kindern, oder in der Zeit als Lehrerin, sondern vor allem heute in meiner Rolle als Lerntherapeutin.

Druck und Prüfungsangst als ständiger Begleiter

An meine Einschulung und die Grundschulzeit habe ich keine konkreten Erinnerungen. Sehr klar sind aber meine Erinnerungen ans Lern- und Übungszeiten am Gymnasium. Meine ständigen Zweifel und den immer stärker werdenden Druck.

Meine Eltern, vor allem meine Mutter, wollten mich immer unterstützen, und das meinten sie auch so. Aber ihre Art zu lernen war nicht meine. Wenn sie mir half, folgte ich eigentlich ihrer Methode, nicht meiner eigenen, und statt Entlastung entstand ein zusätzlicher Druck. Ich habe mich damals nicht getraut, etwas zu sagen. Mir war auch gar nicht bewusst, dass es überhaupt mehrere Wege gab, sich Lerninhalte anzueignen. Also habe ich nicht die Methode infrage gestellt, sondern mich selbst.

Je mehr ich gelernt habe, je besser ich werden wollte, desto größer wurde der Druck. Der Druck, den ich mir selbst gemacht habe, wurde zu einer sehr extremen Prüfungsangst, die mich schon Tage vor jedem Test oder jeder Arbeit lähmte. Ich hatte regelmäßig Blackouts und war verzweifelt, warum mehr lernen nicht half. So geriet ich immer mehr in eine Negativspirale, aus der ich mich meine ganze Schulzeit nicht befreien konnte. So blieb ich immer hinter meinen Möglichkeiten.

Erst im Studium konnte ich für mich herausfinden, wie ich gut und leicht lerne. Lernen wurde immer mehr zum Vergnügen. Die Prüfungsangst und Zweifel begleiteten mich aber noch viele Jahre.

Wenn Leistung zur Bedingung für Selbstwert wird

Zwischen einer guten und einer schlechten Note lag für mich nicht der Unterschied zwischen „gut gemacht“ und „nicht gut gemacht“. Es war der Unterschied zwischen „ich bin okay“ und „ich bin nicht genug“. Jede Note war eine Bestätigung – oder eine Verurteilung.

Die Angst, zu scheitern, war nicht nur ein Gefühl. Sie war eine ständige Begleiterin, die mir sagte: Wenn du versagst, bist du weniger wert. So lernte ich, Fehler zu verstecken, jede Abweichung zu vermeiden und meine Anstrengung nur so zu steuern, dass sie niemanden enttäuscht. In Prüfungen klappte die Atmung oft weg, und die Gedanken rasten: Wenn ich hier scheitere, verliere ich den Platz in der Gruppe, die Liebe meiner Eltern, meinen sicheren Ort in der Schule.

Was ich brauchte, war Zuwendung unabhängig vom Ergebnis – eine Stimme, die mir sagte, dass ich genug bin, auch wenn eine Note nicht perfekt ist. Zweifel und Ängste begleiteten mich durch jeden Tag. Es war ein ständiges Durchhalten, ein Stillstehen im Kopf, das mir sagte: Jetzt zählt nur, wie gut du heute bist. Erst im Abi und im Studium begann ich zu verstehen, dass diese Gefühle nicht verschwinden mussten, sondern sich wandeln konnten, wenn ich ihnen Raum gab und Unterstützung suchte.

Was die Zeit mir mitgegeben hat

Heute, viele Jahre später, sehe ich diese Zeit mit anderen Augen. Nicht, weil der Druck oder die Angst plötzlich bedeutungslos wurden, sondern weil ich verstanden habe, woher sie kamen: aus der Überzeugung, dass ich nur etwas wert bin, wenn ich gute Leistungen liefere. Diese Überzeugung hat mich auch lange im Erwachsenenalter noch begleitet und hat sich tief in mein Bewusstsein eingegraben.

Während der Schulzeit meiner Kinder war es mir ein großes Bedürfnis es anders zu machen. Ich versuchte sie zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen. Noten waren nie mit Zuwendung gekoppelt. Mir war wichtig, dass sie sich anstrengen und ihre Bestes geben. Die Note, die dabei herauskam war nebensächlich.

Als Lerntherapeutin begegne ich fast täglich Kindern, die an sich zweifeln und ihr Selbstwert durch die vielen negativen Erfahrungen sehr gesunken ist. Ich merke immer wieder wie dankbar ich bin, sie in ihrem Prozess begleiten zu dürfen. Sie zu unterstützen ihre eigenen Stärken und Ressourcen zu erkennen und nutzen. Ganz verschwunden ist mein Selbstzweifel nicht, aber ich habe gelernt, ihn zu erkennen, wenn er auftaucht, und ihm nicht mehr automatisch zu glauben.

Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt: Als Lehrerin und heute als Lerntherapeutin. Sie ist einer der Gründe, warum ich so sensibel dafür bin, dass Lernen so individuell ist wie die Menschen selbst. Wenn ich heute jemandem begegne, der glaubt, „einfach nicht gut genug“ zu sein, spüre ich sehr deutlich wie mein inneres Kind reagiert. Heute weiß ich sehr klar, was ich brauche und es ist mir eine große Freude Menschen dabei zu unterstützen für sich selbst herauszufinden, was ihr Weg ist.

Dies ist mein Beitrag zu meiner Blogparade „Wie meine Schulzeit mich geprägt hat“.

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